Leap Motion – PC-Steuerung in einer neuen Dimension | Gamertec-Test

 
Spiele am PC spielt man mit Maus und Tastatur. Punkt. Damit könnte dieser Text jetzt auch schon enden, denn auch in Zukunft wird es wohl dabei bleiben. Wären da nicht immer wieder kleine Unternehmen, die in Eigenregie versuchen, neue Steuerungsformen zu etablieren. Spätestens zum Release der beeindruckenden VR-Brille Oculus Rift dürfte das Thema erneut aktuell werden: Unter so einer Brille sorgt eine Bewegungssteuerung beispielsweise für mehr Immersion, zieht den Spieler tiefer ins Geschehen.
 
LeapMotion-Bewegung
 
Als wir vor einiger Zeit das Glück hatten, ein wenig mit Chris Roberts plaudern zu dürfen, hat er nicht nur über sein kommendes Spiel Star Citizen berichtet sondern auch über die Zukunft der PC-Eingabegeräte. Im Gedächtnis blieb ihm dabei Leap Motion.

Bei Leap Motion handelt es sich um einen winzigen, per USB zu verbindenden Adapter für den PC, der Bewegungen erkennt und für den Rechner umsetzt. Im Inneren arbeiten drei kleine Kameras, die in einem Bereich von etwa 0,5m² über dem Kästchen selbst einzelne Fingerglieder auseinander halten können. Vor die Tastatur gelegt erweitert „The Leap“ wie es die Hersteller nennen den PC um eine intuitive Bewegungssteuerung. Und das ohne den Nachteil schnell schlapp werdender Arme, da nicht immer zu einem weiter entfernt stehenden Touchscreen gegriffen werden muss.

Das Versprechen: Eine Steuerung wie in einer Szene des Filmes „Minority Report“: Mit den Armen und Fingern bewegt der Protagonist dort Fenster und Bilder einer Computeroberfläche – ohne Maus, ohne Keyboard, ohne Stress. Icons hin- und herwischen ist zudem vom Smartphone und Tablet bereits bekannt, krankt am PC aber immer noch etwas an den zu weit entfernt stehenden Bildschirmen.

Nach einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne wurde Leap Motion nun vor wenigen Tagen an die Unterstützer und Vorbesteller ausgeliefert. Wir gehören zu den Glücklichen, die eines der ersten Muster bekommen haben und konnten daher bereits einige Zeit damit arbeiten.

Zollprobleme?

Produkte von US-Amerikanischen Firmen nach Deutschland importieren ist immer ein wenig knifflig – im Falle der Android-Spielkonsole Ouya beispielsweise scheiterte die Auslieferung teilweise an vom Zoll wohl nur schwer zu findenden CE-Aufklebern. Zudem waren Ouya-Käufer oft überrascht über die nachträglich zu entrichtenden Zollgebühren. Abhilfe schafft hier ein in Europa ansässiger Wiederverkäufer über den der Versand gelöst wird. Pluspunkt Leap Motion: Durch ein Versandlager innerhalb der EU gibt es hier keinerlei Probleme mit dem Zoll.

Der erste Eindruck

In der FedEx-Transportverpackung befindet sich ein winziges Kästchen, zaghaft in wenig Polstermaterial gehüllt. Dennoch, die Verpackung ist nicht beschädigt, der Inhalt nicht defekt. Leap Motion ist ein wirklich kleiner Adapter, vor ein paar Jahren waren USB-Sticks ähnlich voluminös. Eine Schutzfolie über dem Gerät weist auf eine Webseite zum Herunterladen der nötigen Installationssoftware hin – eine CD findet sich in der Verpackung tatsächlich nicht. Unter dem Einschub mit der „Leap“ befinden sich einzig zwei unterschiedlich lange USB-Anschlusskabel zur Verbindung mit dem PC.
 
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Installation

Mit dem Rechner verbunden (aktuell wird Windows und MacOS unterstützt, Linux noch nicht) und nach der Installation der Software meldet sich die Leap als Bewegungssteuerung am PC an und wartet auf Software. Einfach so funktioniert hier nichts, im Gegensatz zum Anschluss einer Maus muss ein Programm erst einmal für die Leap fit gemacht werden. Anwendungen für die Bewegungssteuerung finden sich im „Airspace“, dem Appstore von Leap Motion. Eine Registrierung ist unumgänglich, da viele Apps zudem kostenpflichtig sind, sollte auch eine Kreditkarte vorhanden sein – und der Wille, diese zum Zahlen der Apps zu benutzen.

Zuvor beginnt die Leap-Erfahrung aber mit einem Tutorial zur Bewegungssteuerung. Hier lässt sich ein wenig mit den Fingern vor dem Bildschirm herumspielen. Die Software zeigt auch an, wie sie die Finger über der Leap erkennt und umsetzt. Dabei zeigt sich: Verdeckt ein Teil der Hand beispielsweise einen Finger, wird dieser gar nicht mehr erkannt. Die Software interpoliert hier keine zuvor berechneten Daten. Bei falscher Handhaltung werden dann eben nur drei oder vier statt fünf Fingern erkannt und für die Nutzung berechnet – ein Nachteil, wie sich später noch zeigen wird.

Die Software selbst zeigt sich durchaus CPU- und RAM-hungrig. Mit 4 Gigabyte RAM fühlt sich Leap recht zäh an, mit 8 Gigabyte läuft es flüssig. Mit älteren Doppelkernprozessoren, Ultrabooks oder anderen eher schwachen Rechnern gerät die Steuerung zudem mangels Prozessorpower ins Stocken – es zeigt sich ein Lag in der Bewegung, eine störende Verzögerung. Die Leap selbst verfügt also offenbar über keine eigene Rechenleistung um die Daten auszuwerten, hier ist der PC komplett selbst gefragt. Stimmt die Rechenpower und RAM-Bestückung jedoch, dann funktioniert die Bedienung mit sehr geringen Verzögerungen.

Schwerer wiegen da schon die teils minderwertig programmierten Apps im Airspace. Selbst kostenpflichtige Anwendungen lassen den Nutzer mit schlechter Erkennung der Bewegungen verzweifeln. In einer Schlagzeug-App beispielsweise sind die Drums in zwei Ebenen vor dem Nutzer angeordnet. Die hintere Ebene lässt sich nur sehr schwer zuverlässig einsetzen, da die Bewegungssteuerung den Finger oft an der falschen Stelle vermutet.

In der Praxis

Die Steuerung des Windows-PCs ist auch noch nicht ganz ausgereift. Hier soll sich der Mauszeiger mit dem Finger steuern lassen, auch Webseiten sollen sich scrollen lassen, einfach per Fingergeste. Klingt super, lässt sich aber aktuell nicht vernünftig bedienen. Wird der Bewegungs-Finger nicht 100% korrekt erkannt, zittert der Mauszeiger stark vor sich hin. Generell bewegt sich der Zeiger durch die nie komplett ruhigen Fingerbewegungen mal mehr, mal weniger stark vor sich hin. Beim Anklicken von Links auf Webseiten jedoch hilft nur eine extrem ruhige Hand und viel Glück, ansonsten ist es fast unmöglich, korrekt zu klicken.

Auch beim Greifen von Gegenständen im virtuellen Raum zittert die Anzeige durch nicht ganz ruhig gehaltene Hände vor sich hin und macht eine Steuerung fast unmöglich. Das lag allerdings nicht an unseren Händen, eine gewisse Bewegung ist in jeder Hand wenn sie gerade über einem Computer gehalten werden soll.

Generell zeigt sich, dass die Leap Bewegungen durchaus akzeptabel erkennt. Knackpunkt ist aktuell die Software, die zu sensibel auf Bewegungen und leichtes Zittern der Finger reagiert. Viele Anwendungen sind, obwohl für 3-5 Dollar kostenpflichtig im Store angeboten, nicht ausgereift und nicht auf die Besonderheiten der Leap angepasst. Die wenigen angebotenen Spiele bieten zudem entweder nur sehr kurzen oder absolut gar keinen Spielspaß. Ein Autorennen mit der um ein imaginäres Steuer geklammerten Hand über dem Keyboard ist aufgrund der dort sehr stark spürbaren Latenzen keine Erfahrung in bisher ungewohnter Immersion sondern nur nervtötend.

Chris Roberts sagte uns im Interview, neue Hardware lebt von Software. Ohne vernünftig angepasste Programme wird es keine neue Steuerungsform auf dem PC schaffen, sich gegen Maus und Keyboard durchzusetzen. Betrachten wir nun die aktuell für Leap Motion vorhandene Software, dann ist ein Debakel abzusehen. Normale PC-Spiele lassen sich damit überhaupt noch nicht spielen, Anpassungen gibt es so gut wie keine und die im Airspace angebotenen Programme sind größtenteils stark minderwertig. Im Tutorial zeigte Leap Motion, dass durchaus einige interessante Dinge damit möglich wären. Im Alltag jedoch fehlt der konkrete Anwendungsbereich und die sinnvoll angepasste Software.

Leap Motion wird aktuell für 79 US-Dollar direkt auf der Internetseite des Herstellers verkauft. Ein Preis, der sich aktuell nicht lohnt – und ob Leap Motion sich auf dem harten PC-Markt durchsetzen können wird ist ebenfalls fraglich. Selbst als kleine Spielerei können wir die Leap aktuell niemandem ans Herz legen.